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Über das Geschichten-Erzählen
Eine Betrachtung von Gerhard Steiner
Vorbemerkungen
Oft schon habe ich festgestellt, dass Filme, wenn sie mir gut oder kurzweilig erscheinen,
eine Geschichte erzählen. Als Zuschauer bin ich gebannt von dem, was sich
in der Geschichte entwickelt. Ich möchte erfahren, was sich alles ereignet
und wie die Geschichte ausgeht.
Bei einem der letzten Herbstwettbewerbe hat mich der Film von Werner
Eichhorn "Die Braut von Paphos" in diesem Sinne beeindruckt. Werner
Eichhorn hat mit gewöhnlichen, spontan gefilmten Urlaubsaufnahmen und
einer gut erzählten Geschichte einen schönen und obendrein noch
kurzweiligen Film gemacht.
Das hat mich daran erinnert, dass ich mir einmal vorgenommen hatte, mit
dem Mittel "erzählter Geschichten" meine Filme interessanter und
kurzweiliger zu machen. Als Ingenieur mit überwiegend mathematischen und
naturwissenschaftlichen Interessen bin ich allerdings nicht gerade mit
einer üppigen Phantasie ausgestattet. Deshalb fallen mir aus dem Stegreif
auch keine packenden Geschichten ein, die sich filmisch verwerten lassen.
Was ich aus dem Stegreif nicht kann, muss ich mir methodisch
erarbeiten, dachte ich. Und so habe ich mir eine Methode ausgedacht, mit
der ich zu jedem beliebigen Thema Schritt für Schritt zu einer halbwegs
interessanten Geschichte kommen kann. Es ist gewissermaßen ein
Baukastensystem fürs Geschichten-Erzählen. Es ist nichts Endgültiges,
nichts Unumstößliches, sondern einfach nur eine Methode, das Problem
"Geschichtenerzählen" etwas in den Griff zu bekommen.
Und weil ich denke, das könnte auch meine Clubfreunde interessieren,
will ich hier davon berichten. Ich möchte die Methode beschreiben und im
Gegenzug Anregungen bekommen, was man weiter verfeinern, verbessern
könnte. Vor allem aber möchte ich bei allen Lust wecken, das
Geschichten-Erzählen einmal selbst auszuprobieren und vielleicht sogar
einmal bei der Konzeption eines Filmes anzuwenden.
A) Die einfache, geradlinige Geschichte
Bei Recherchen zum Thema Dramaturgie habe ich festgestellt, dass eine Geschichte
zwecks Einteilung einer Erzählung in drei wesentliche Teile gegliedert wird: In eine End-
oder Zielsituation, eine Anfangssituation und eine Handlung dazwischen.
Man sollte zuerst die Endsituation genau definieren. Alle anderen Teile
dazu entwickeln sich dann gedanklich fast von selbst.
Die End- oder Zielsituation
Was ich mit den wesentlichen Teilen einer Erzählung meine,
ist an einem simplen Beispiel am schnellsten erklärt. Jede Situation kann
theoretisch als Endsituation genommen werden.
Die klassische und vielleicht am häufigsten benutzte Endsituation in
Spielfilmen ist die "Heirat". Die zwei, die sich kriegen sollen, die
heiraten. Voraus geht immer eine lange Geschichte der Irrungen und
Wirrungen. Ganz gleich ob eine Heirat, oder so etwas banales wie ein
Festessen, die Heimkehr einer Familie von einem Spaziergang, die
Bewunderung einer neuen Holzdecke im Wohnzimmer,
zu jeder dieser Endsituationen lässt sich beschreiben, wie es dazu kam.
Und das ist jeweils eine Geschichte.
Für mich mit meiner Phantasie, ist die methodische Vorgehensweise wie eine Offenbarung.
Wenn sich jede der unendlich vielen denkbaren Situationen mehr oder minder gut
für eine Endsituation eignet, dann gibt es noch einmal Dutzende von Wegen
dahin, sprich Dutzende von Handlungen, wie es zur gewählten Endsituation
kommen kann. Das heißt, es gibt fast unendlich viele Geschichten, unter
denen ich nur auszuwählen brauche. Dazu will ich im Rahmen dieses Artikels
ein Beispiel entwickeln, dessen Bestandteile hier immer in
hellblauer
Schrift dargestellt sein werden. Als plausibles, möglichst banales und für einen Filmclub gar nicht
so weit hergeholtes Beispiel einer Endsituation wähle ich:
-
- Einweihung eines renovierten Clubraums
Die Anfangssituation
Zu jeder Endsituation ist für eine Geschichte auch eine Anfangssituation zu wählen.
End- und Anfangssituation sind gewissermaßen die Randbegrenzungen der Erzählung.
Zu der Endsituation
"Einweihung eines renovierten Clubraums" kann ich wieder sehr
unterschiedliche Anfangssituationen wählen. Dazu gehören z.B.
- Der provisorische Bezug eines von der Stadt zugewiesenen
Clubraums
- Eine der Frauen beschwert sich über den schäbig anmutenden
Clubraum
- Ein Mitglied schlägt die Renovierung des Clubraums vor
Welchen Anfangspunkt ich
wähle, das bleibt mir als dem Geschichtenerzähler überlassen, und das wird
sich nicht zuletzt auch danach richten, welche Handlung dazwischen ich für
am interessantesten halte. Es bleibt mir auch überlassen, zunächst einmal
verschiedene Anfangssituationen zu meiner Endsituation im Sinn zu
behalten, und dann zu überlegen, von welcher Anfangssituation ein
möglichst interessanter Handlungsstrang zur Endsituation führt. Für das
Beispiel "Einweihung eines renovierten Clubraums" sei hier als Anfangssituation
gewählt:
-
- "Eine der Frauen beschwert sich über den schäbigen
Clubraum"
Die Handlung dazwischen Beim Beschreiben der
Handlungsteile zwischen Anfangs- und Zielsituation schadet es m.E. nicht,
wenn ich anhand einer Ideensammlung erst einmal alles aufschreibe, was mir
in den Sinn kommt. Je mehr das wird, desto besser ist es für die
nachfolgende Auswahl. Ich finde es immer gut, wenn ich mehrere
Alternativen zur Auswahl habe. Allerdings sind nicht alle Handlungsideen,
die mir in den Sinn kommen, mit vertretbarem filmerischen Aufwand zu
realisieren.
Episoden, so meine ich, müssen ein gewisses Interesse beim Zuschauer
wecken. Das kann durch ein interessantes Umfeld oder eine für die
Zuschauer vertraute Situation erreicht werden. Es ist gut, wenn der
Zuschauer sich sagt, so hätte auch ich handeln können, oder so etwas
Ähnliches ist auch in meiner Familie schon passiert, oder das hätte auch
in unserem Club so passieren können. Deshalb denke ich,
zwischenmenschliche Transaktionen aus dem Erlebnisumfeld der potentiellen
Zuschauer verdienen immer eine Bevorzugung bei der Auswahl.
Wenn End- und Anfangssituation von mir festgelegt sind, dann ist es
also Zeit, die Handlung dazwischen auszudenken. Die Handlung erzählt
Schritt für Schritt, wie es von der Ausgangssituation zur Endsituation
kommt. Jeden dieser Schritte will ich als separate Episode bezeichnen.
Bei der einfachsten Art des Handlungsaufbaus wird eine geradlinige
Geschichte erzählt. Eine Handlungsepisode baut auf der vorausgehenden auf.
Die Geschichte entwickelt sich von einer Episode zur nächsten. Schritt für
Schritt wird beschrieben, wie die Endsituation erreicht wird. Für den
Filmer ist es dabei selbstverständlich, sich solche Phasen der Geschichte
auszuwählen, die ihm möglichst unterschiedliche, womöglich sogar
spektakuläre Schauplätze oder Handlungsteile bieten. Wenn alle Schritte
beschrieben sind, dann ist die Geschichte fertig. Umfangreiche Geschichten
können aus 20 oder 30 Schritten bestehen, einfache Geschichten kommen mit
3 bis 5 solcher Schritte aus. Für das Beispiel "Einweihung des renovierten
Clubraums" könnte
die Handlung mit den folgenden Episoden beschrieben werden:
-
- Anfangssituation:
- "Im Filmclub werden Filme vorgeführt. Zu Gast sind Ehefrauen der
Mitglieder. Das Ende der Filme wird beklatscht. Sich angeregt
unterhaltend verlassen alle den Clubraum. Beim Hinausgehen beschwert
sich eine der Frauen bei ihrem Mann über den schäbig aussehenden
Clubraum.
- Episode 1:
- Am nächsten Clubabend wird die Beschwerde vom Ehemann an die
Gemeinschaft weitergegeben. Sie diskutieren was verbessert werden
müsste. Sie beschließen die Renovierung und teilen ein, wer was macht.
- Episode 2:
- Reinhold wählt und kauft die Farben ein.
- Episode 3:
- Wilhelm kauft die Abdeckfolie, die Pinsel und die Kunststoffrollen
für die Vorhänge.
- Episode 4:
- Eduard packt zu Hause die Vorhänge aus den Kartonkisten in die
Waschmaschine. Seine Frau hängt sie zum Trocknen auf und bügelt
sie.
- Episode 5:
- Wilhelm und andere räumen im Clubraum Stühle, Tische und Schränke
zur Seite kehren den Boden und waschen Wände und Fensterrahmen
ab.
- Episode 6:
- Ernst kommt mit Werkzeug und montiert die Holzplatte mit der
"Leinwand".
- Episode 7:
- Fritz legt Folie auf Boden aus, Reinhold rührt die Farbe an,
verteilt Pinsel und beginnt mit anderen zu streichen..
- Episode 8:
- Gerd schließt die Löcher in der Decke und in den Wänden mit
Holzplatten.
- Episode 9:
- Das "Streicherquintett" erfasst allmählich den ganzen Raum..
- Episode 10:
- Reinhold sammelt die Abdeckfolien ein..
- Episode 11:
- Klaus filmt die Akteure. Paul legt eine Musikkassette in den
Kassettenspieler ein und bewegt sich im Walzerschritt während des
Staubsaugens.
- Episode 12:
- Teppiche, Tische und Stühle werden an ihren alten Platz gerückt .
- Episode 13:
- Geschirr wird aus Kartons ausgepackt, gewaschen, getrocknet und in
die Schänke eingeräumt..
- Episode 14:
- Der große Tisch wird gewaschen und abgetrocknet.
- Endsituation:
- Einweihung des renovierten Clubraums: Sekt wird eingeschenkt. Sie
heben alle die Gläser und prosten sich zu. Der Vorsitzende bedankt
sich bei den Akteuren für die geleistete Arbeit..
Dieses Beispiel mit der
Beschreibung aller Episoden vom Anfang bis zum Ziel soll zeigen, wie
leicht es ist, in ein paar Schritten die Entwicklung von einer Anfangs-
bis zu einer Endsituation zu beschreiben. Ich meine, nichts wirkt so
abgerundet, wie wenn alle wichtigen Stationen auf dem Weg zum Ziel und
schließlich das Erreichen des Ziels beschrieben werden. Das sieht sich ein
Zuschauer schon lieber an als willkürlich gewählte Episoden aus dem Alltag
eines Clubs, die auf kein Ziel hinauslaufen. Trotzdem ist das natürlich
noch keine aufregende Sache. Die Zuschauer können ahnen, worauf die
einzelnen Episoden hinauslaufen, und können das Interesse verlieren, noch
bevor die Geschichte zu Ende ist. Ich habe zwar einen Grundstock an
Erzählung, aber es muss noch etwas dazu kommen, um die Zuschauer bei der
Stange zu halten. Deshalb folgt hier das nächste Kapitel.
B)
Die geradlinige Geschichte mit anspruchsvollerem
Aufbau Teil 1 Hindernisse und
Probleme Damit die Geschichte nicht zu einfach, zu geradlinig wirkt,
baue ich Hindernisse ein, die durch die Protagonisten, die Akteure auf dem
Weg vom Ausgangs- zum Zielpunkt bewältigt werden müssen. Es finden Dinge
statt, die unsere Agierenden zeitweise daran hindern, direkt zum Ziel zu
kommen. Der Zuschauer soll möglichst mit den Akteuren mitleiden. Zeitweise
soll es so aussehen, als würde das Ziel der Handlung nicht erreicht werden
können.
Es muss sich Unerwartetes ereignen. Es müssen Dinge geschehen, die den
oder die Akteure zurückwerfen. Der Zuschauer muss evtl. auch im Zweifel
sein, was das Ziel der Handlung ist. Bei allem darf aber, so meine ich,
die Handlung nicht zu phantastisch werden. Trotzdem muss es ein oder
mehrere Hindernisse geben, die der Geschichte eine neues Gesicht verleihen
und sie zunächst in eine andere Richtung drängen.
- In unserer Geschichte könnte zum Beispiel....
- beim Eindübeln eines Bilderhakens ein Wasserrohr angebohrt und der
ganze Raum unter Wasser gesetzt werden und / oder
- beim Aufräumen eine Leiter umkippen, einer der Akteure landet im
Farbeimer und richtet ein Farbchaos auf allen Möbeln im Raum an und /
oder
- während des Hämmerns an der Decke eine ganze Reihe von
Deckenleuchten krachend zu Boden fallen und / oder
- beim Verschieben des Geschirrschrankes dieser umkippen und samt
Gläsern und Porzellan zu Boden fallen und / oder
- einer der Akteure bei den Arbeiten von der Leiter herunterfallen und
sich einen Arm brechen.
Welche der Ideen ich auch
immer aufgreife, sie ist selbst zunächst eine neue Episode in meiner
Geschichte. Und weitere Episoden sind für die korrigierenden Massnahmen notwendig, um die Geschichte wieder auf ihr altes Ziel zu lenken.
Teil 2
Zusätzliche Spannungsmomente Eine weitere Aufwertung der
Geschichte findet statt, wenn ich zusätzliche Spannungsmomente einbaue.
Der Zuschauer soll in Spannung versetzt werden. Er soll zweifeln, ob der
Akteur sein Ziel rechtzeitig erreicht oder ob die Geschichte überhaupt
noch zu einem guten Ende kommen kann. Der Zuschauer soll bangen um einen
guten Ausgang. Die Hindernisse sollen dramatisch genug sein, dass der
Zuschauer die Handlung intensiv miterlebt. Dem Akteur wird ein Zeitlimit
oder eine Schwierigkeit auferlegt, die kaum zu bewältigen ist.
- In unserer Beispielgeschichte könnte....
- bereits anfänglich das Ziel gesetzt werden, dass der Raum bis zu
einem nahen Jubiläumstermin, nur noch eine Woche entfernt, fertig sein
muss.
Von Anfang an hat die Geschichte dadurch mehr
"Pepp", dass
der Fertigtermin viel schneller heranrückt als sich die Arbeiten ihrem
Ende nähern. Durch Gespräche und Nahaufnahmen auf den Kalender, durch
einen filmischen Dialog mit Erörterung der Restarbeiten an den
verbleibenden beiden Arbeitstagen bekommt die Geschichte mehr Spannung.
Und wenn dann noch eines der oben gelisteten Hindernisse wie das
-
- Umfallen eines
Akteurs in den Farbeimer
dazukommt, wenn deswegen Möbel und Teppiche erst wieder
zeitaufwendig gereinigt werden müssen, dann kommt der Zuschauer schon eher
ins Bangen, dass vielleicht nicht alles rechtzeitig und gut ausgehen
könnte. Wie oben schon besprochen, muss ich zur Beseitigung des
Hindernisses eine oder mehrere Episoden zusätzlich einbauen. Bei meinem
Beispiel ist das:
-
Erst das Einteilen
und Durchführen eines freiwilligen Zweischichtbetriebes und das
Einbeziehen von Ehefrauen lässt schließlich die Arbeit doch noch zur
rechten Zeit fertig werden. Durch den Einbau des
Hindernisses und der zugehörigen Korrekturschritte auf dem vorher
geradlinigen Weg zwischen Anfang und Ende bekommt die Geschichte ein ganz
anderes Gesicht. Selbst für den, der sich die Geschichte ausdenkt, formt
sich die Erzählung auf überraschende Weise um. Alte Episoden des zuvor
geradlinigen Aufbaus fallen u.U. weg, neue kommen dazu. Wenn statt eines
noch mehr Hindernisse und auch Spannungsmomente in die Handlung eingebaut
werden, dann ist die Umwandlung der Geschichte noch erheblich
erstaunlicher.
Am Ende des Mehrschritt-Prozesses steht eine komplexere Geschichte, die
für den Zuschauer nicht nur von größerem Interesse ist, sondern ihn auch
wegen der Spannungsmomente eher bei der Stange hält.
C)
Zusätzliche, parallele Handlungsstränge Professionelle Filme der
frühen dreißiger Jahre weisen in der Regel einen Aufbau mit nur einer
Erzähllinie auf, wie ich sie bisher beschrieben habe. Das waren die Filme,
wo die Helden in jeder einzelnen Szene der Geschichte vorkamen. Eine
wichtige, heute sehr oft angewandte Technik des Bereicherns von
Geschichten ist das Zufügen weiterer Handlungsebenen, nämlich das Zufügen
weiterer Erzählstränge. Diese Methode wird von den Profis auch weidlich
genutzt. Schließlich können sie kurz vor einem Handlungshöhepunkt oder
während einer besonders spannenden Stelle auf einen parallelen
Erzählstrang umschneiden, und damit den Zuschauer mit seiner Neugier noch
weiter auf die Folter spannen, und den sich fragen lassen, wie die Szene
wohl weitergehen wird.
Nicht nur erzähltechnisch hat das Vorteile, auch der Schnitt profitiert
nebenbei bemerkt davon. Jeder Erzählstrang hat nämlich über weite Strecken
ein gleichartiges Tempo im Schnitt. Aber selbst ein konstanter, schneller
Schnitt wirkt für die Zuschauer auf die Dauer ebenso langweilig wie ein
konstanter, langsamer Schnitt. Abwechslung, so meine ich, ist im Film in
jeder Hinsicht oberstes Gebot, und Abwechslung im Tempo des Schnitts lässt
sich durch Umschnitt auf einen zweiten oder gar dritten Handlungsstrang
leicht herstellen. Wegen dieser Vorteile sind bei Profis parallele
Handlungsstränge sehr beliebt. Und was den Profis aus triftigen Gründen
recht ist, kann uns Amateuren nur billig sein. Wenn wir unsere Geschichte
weiter aufpeppen wollen, dann bauen wir auch einen parallelen
Handlungsstrang ein. Als parallele Handlungstränge können alle kleinen
Geschichten infrage kommen, die sich ebenfalls auf unser Handlungsziel
zubewegen.
Greifen wir also
unsere Beispielgeschichte von der Renovierung des Clubraums wieder auf und
suchen uns eine Aktivität aus, die ebenfalls auf das Handlungsziel
gerichtet ist. Das könnte sein:
-
- a) Der Kassierer
versucht, mehrere Geldquellen ausfindig zu machen und anzuzapfen, mit
denen die teuren Arbeiten schließlich bezahlt werden können.
- b) Mehrere der Filmerfrauen backen für die Einweihungsfeier lauter
köstliche, aber von der Haltbarkeit her betrachtet kurzlebige Kuchen und
Torten, die allesamt verderben würden, wenn sich die Einweihungsfeier
auch nur um zwei Tage verzögerte.
- c) Der Schriftführer hat keine Ahnung von den Problemen bei der
Ausführung der Arbeiten und lädt fleißig viele Leute zu einem festen,
frühen Einweihungstermin ein.
Unter dem
Gesichtspunkt wünschenswerter bildlicher Abwechslung, wird Handlungsstrang
b) mit den Kuchen
und Torten gewählt. Handlungsstrang c) mit der Einladung vieler
Leute würde zudem
wenig Mühe machen, und zusätzliche Abwechslung bringen, indem auf
interessante Bildfolgen interessante Wortpassagen folgen könnten.
Der parallele Handlungsstrang b) mit den Kuchen und Torten lässt sich erstmals aufrufen,
wenn in der Hauptgeschichte der Einweihungstermin festgelegt ist.
-
Dann spricht der Vorsitzende die Frauen an, und vereinbart die Herstellung von
Erdbeerkuchen und Sahnetorte. Und während in der Haupthandlung die
Renovierungsarbeiten ihren Fortgang nehmen, werden von den Frauen alle
Zutaten gekauft.
Mit dem Backen wird begonnen just in dem Augenblick, wenn in der
Haupthandlung der Akteur in den Farbeimer fällt, alle Wände und Möbel
verspritzt und die Einweihungsfeier in weite Ferne zu rücken scheint.
Gerade da wird der Erdbeerkuchen belegt und wird die Torte mit
Schokoladenguss verziert. Die vielen fertigen Kuchen passen in keinen
Kühlschrank.
Der erste Umschnitt auf den parallelen Handlungsstrang
c) mit der Einladung vieler Leute durch den telefonierenden Schriftführer
kommt zunächst während der fortlaufenden Renovierung an die Reihe, und ist dann ein
weiteres mal für die Gesamtgeschichte am wirkungsvollsten, wenn der in den
Farbtopf gefallene Akteur sich die Schmiere aus dem Gesicht reibt, der
Clubraum für ewig verdorben erscheint, und der Schriftführer, davon nichts
ahnend, für den nächsten Tag 10 namhafte Gäste aus der BDFA - Elite
einlädt.
Dieses Beispiel soll wirklich keinen Anspruch auf besondere
Originalität erheben oder gar literarische Ansprüche irgendwelcher Art
befriedigen, aber aus einer einfachen kleinen Renovierungsgeschichte ist
allein durch die eingebrachte Abwechslung mit Hindernissen,
Spannungsmomenten und den kleinen Parallelhandlungen ein optisches
Spektakel geworden mit Handwerksarbeiten, Kuchenbacken, Telefonaten,
Unfällen, Sondereinsätzen und fröhlichem Feiern. Langeweile wird wohl kaum
aufkommen, wenn der Schnitt nur halbwegs flott angesetzt werden wird.
D) Zusammenfassung der Methode
-
Die einzelnen Schritte der vorbeschriebenen Methode sind noch einmal wie
folgt:
- 1) Festlegen der Zielsituation für die Handlung
- 2) Auswahl und Festlegen einer Anfangssituation
- 3) Episodenweises Festlegen der Handlungsschritte
zwischen Anfangs- und Endsituation
- 4) Festlegen von Hindernissen,
die das Erreichen des Handlungsziels erschweren
- 5) Einbau von Spannungsmomenten
durch Einführen z.B. eines motivierten Zeitlimits
- 6) Parallele kleine Handlungstränge einführen,
die ebenfalls auf die Zielsituation hinauslaufen
Durch Zufügen der Elemente von Schritt 4 bis 6 wird
aus einem leicht vorhersehbaren, geradlinigen Ablauf eine Geschichte, die
zumindest ansatzweise Abwechslungs- und Überraschungsmomente birgt, und so
für den Zuschauer einige Kurzweil birgt.
E) Noch ein abschließendes Wort
über die Entwicklung
In jeder erzählten Geschichte steckt Entwicklung. Statt Glieder einer Entwicklung zu sein,
sind Filmepisoden bei Amateuren oft Teile einer Aufzählung.
Aufzählungen sollen meist einen einzigen Gedanken, eine einzige Aussage bekräftigen.
Aufzählungen sind deswegen nur dann verkraftbar, wenn sie bald zu Ende sind.
Um die These zu bekräftigen, dass eine bestimmte Stadt sehr schöne Häuser hat,
muss der Filmer nicht alle 3876 Fachwerkhäuser dieses historischen Gemeinwesens
in seinem Film zeigen. Es würden schon 4 bis 6 schöne Exemplare dazu reichen, dass die
Aussage bekräftigt wird.
Es kommt bei Amateurfilmen leider auch immer wieder vor, dass ein paar
zufällig aufgenommene, thematisch unzusammenhängende Bilder
aneinandergereiht sind, zu denen der Autor alle paar Momente einen mehr
oder minder passenden, meist sachlich, trockenen Kommentar zufügt. So
wenig wie die Bilder einen Zusammenhang haben, so spärlich ist auch oft
der Zusammenhang im Kommentar. Für den Zuschauer fehlt dann der Anreiz,
bei der Stange zu bleiben. Es wird für ihn schwer, die Gedanken nicht
abschweifen zu lassen. Solche leider nicht seltenen Fälle filmischer
Langeweile werden bereits durch eine kleine, bescheidene Geschichte
entschärft. Dazu ist sie da, die Geschichte. Eine Methodik für das
Geschichtenerzählen habe ich oben abgehandelt. Mit ihr, so denke ich, läßt
sich ein passabler Film erstellen, der bei seinen Zuschauern mehr
Interesse findet.
Packende Geschichten im professionellen Sinn sind natürlich nur solche, die den
Zuschauer nicht nur mitdenken und miterleben sondern mitfühlen, mitzittern
oder auch mitleiden lassen. Das gehört zu guten, abendfüllenden
Spielfilmen. Mit denen sollen sich die Resultate der oben vorgestellte
Methode nicht messen. Die hiermit aufbaubaren kleinen Erzählungen, so
meine ich, erfüllen gewissermaßen ein Minimalprogramm dessen, was jeder
Film haben sollte, nämlich
Entwicklung:
Entweder eine
Handlung
oder auch eine
sachlich, theoretische Beschreibung
entwickelt sich (wie in einem Aufsatz) von einem
Anfang zu einem Ende. Wenn die Entwicklung fehlt, tritt der Film auf der
Stelle, wird der Film langweilig. Nur die Entwicklung ist es, so denke
ich, die dem Zuschauer ein Minimum an Interesse erhält, um den Film bis zu
seinem Ende gerne mitverfolgen zu wollen. Was sich da vor aufmerksamen
Zuschauern entwickelt, hat ein Ziel, und wenn das Ziel erreicht ist, dann
kommt der Film zu seinem Ende, und die Zuschauer sind dann eher bereit,
vom gleichen Autor noch einmal einen Film ansehen zu wollen.
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